Leben wie Flo in Hiroshima
Am 21.3. bin ich gegen Mittag mit dem Zug gen Hiroshima aufgebrochen. 1 1/2 Stunden mit dem Regionalexpress von Fukui nach Kyoto und dann mit dem Shinkansen, ja, DEM Shinkansen, 1 1/2 Stunden lang weiter nach Hiroshima. Der Shinkansen war sehr bequem und bot erstaunlich viel Beinfreiheit, selbst für Europäer. Kurz nach drei war ich dann angekommen und wurde auch gleich von meiner ehemaligen Tandempartnerin (Sprachaustausch) Miho abgeholt und brachte mich per Taxi zu ihr nach Hause. Das Haus der Familie Kimura liegt relativ zentral, aber dennoch ruhig, ist 3 Stockwerke hoch (also Erdgeschoss, 1 und 2) und ist verdammt gut ausgestattet. Es gibt sogar einen Fahrstuhl im Haus, das Bad sagt, wenn das Wasser fertig eingelassen ist und die Nachtischlampe wird einfach durch Berührung eingeschaltet. Weil es der (ich glaube) zweite Todestag eines Familienmitgliedes war, waren Mihos Schwester mit Mann und Kind (zwei- oder dreijährige Tochter) anwesend und entsprechend für eine Trauerfeier gekleidet. In Japan ist es üblich in bestimmten Abständen Todesfeiern abzuhalten. Ich weiß die Regel nicht mehr exakt, aber es ist in etwa jeder 1., 2., 3., 7., 13., 17., 23., etc. Der Vater hatte extra gutes Biobier aus Deutschland gekauft um es mit mir zu trinken, aber ich musste leider ablehen und so trank er das Bier alleine. Hat ja auch seinen Vorteil für ihn ;-) Die kleine Nichte von Miho war echt süß und ich hab ihr ein kleines Kinderbuch vom kleinen Prinzen zum Lernen der Zahlen von eins bis fünf vorgelesen. Weil ihr das so gut gefiel, musste ich es insgesamt dreimal vorlesen ^^ Die Familie hat mir auch das einzige japanische Zimmer im Haus gezeigt. Dort befindet sich natürlich der kleine Hausschrein, in dem die verstorbenen Ahnen verehrt werden. Außerdem war dort etwas zum Hina-Matsuri, dem Mädchenfest, aufgestellt, das am 3.3. stattfindet: Ein Treppenbau, vielleict 1,20 m hoch, mit König und Gattin ganz oben, darunter dann Hofdamen, Musikanten und viele weitere Puppen und Zubehör. Es sah jedenfalls ganz schön beeindruckend aus. Am 5.5., dem Jungenfest (Kodomo no Hi, eigentlich Kinderfest), gibt es etwas ähnliches mit Samurai-Helmen und anderen Kriegsutensilien. Als ich auf die Koto aufmerksam wurde, hat die Mutter sie spielbereit gemacht, hat etwas vorgespielt und mir danach ein japanisches Lied, Sakura, beigebracht, dass ich aber bestimmt schon wieder vergessen habe ^^ Nachdem der Besuch gegangen war, fragten sie mich, was ich essen wolle. Japanisch, hab ich gesagt, also sind wir in ein Fisch und Sushi-Restaurant gegangen und weil ich nicht so recht wusste, was ich nehmen sollte, haben die einfach alles mögliche bestellt und wir haben gemeinsam davon gegessen. Ich hab viele verschiedene Sorten Fisch roh und zubereitet gegessen und einige Sachen, von denen ich nicht mehr so genau weiß was es war und es auch gar nicht so genau wissen will. An Gemüse habe ich auch einiges probiert. Auch Tempura, so eine Art paniertes Gemüse. Eniges war sehr lecker, einiges nicht so sehr. Aber ich habe alles probiert.
Die Familie hat mich übrigens eingeladen. Sie haben mich zu allem eingeladen. Umso glücklicher bin ich, dass ich einiges an Omiyage mitgebracht hatte. Abends habe ich dann noch ziemlich lange mit Miho über dies und jenes gequatscht bis es nachts nach 1 Uhr war.
Am zweiten Tag ging es nach einem Frühstück mit Brot, Kuchen und Pizza auf nach Miyajima mit Miho und ihrer Mutter. Miyajima ist weltbekannt für das große rote Torii, das dort im Wasser steht (sofern Flut ist). Fotos folgen. Miyajima ist eine Insel in der Nähe von Hiroshima. Wir sind zunächst direkt zum Schrein mit dem Torii und haben es dort bei Flut gesehen. Am Schrein hat Miho mir auch gütigerweise ein Mamori, einen Talisman, gekauft, der für Liebesglück sorgen soll. Bestimmt kein Zusammenhang mit dem langen Gespräch, das wir den Abend zuvor geführt hatten, bei dem ich ihr so einiges erzählt habe ^^ Danach haben wir Aal mit Muschelsuppe in einem Restaurant gegessen, in dem es sonst auch nichts anderes gab und sind zum Aquarium. Dort gibt es alles mögliche an kleinen und großen Seetieren: Haie, Delphine, Krebse, Quallen, Otter, Pinguine, Seehunde, Piranhas, Nemo-Fische (wie auch immer die heißen), Rochen, etc. Highlights waren die kurze Seelöwen-Show und die Pinguine, die man anfassen konnte (hinterher musste man die Hände desinfizieren lassen). Gesättigt und unterhalten ging es dann weiter. Wir haben dann noch Süßigkeiten in Form von Ahornblättern (Momiji) gegessen, eine Spezialität der Region und sind dann mit der Seilbahn zum höchsten Berg gefahren. Die Seilbahn gab einem ein durchaus unsicheres Gefühl, vor allem Miho war es nicht ganz geheuer, aber wir sind unbeschadet angekommen. Die Aussicht war leider nicht so toll, da es nebelig war. Man konnte nur die Umrisse der näheren Inseln sehen, der Horizont war weiße, trübe Suppe. Von den ansässigen Affen haben wir auch nichts gesehen. Auf dem Rückweg konnten wir dann nochmal zum Torii gehen, da nun Ebbe war. Außerdem ging die Sonne langsam unter, was nochmal ein Foto des Toriis wert war. Am Abend war Miho mit ihrem Freund Kazuhiro verabredet, musste die Zeit aber mehrmals verlegen, weil es doch alles länger dauerte als gedacht. Es war der erste Jahrestag der beiden ^^ Als wir bei ihr ankamen, war Kazu schon da. Wir sind dann gemeinsam (Miho mit ihren Eltern, Ihrem Freund und mir) zum Italiener gegangen. Dort gab es ein 6-Gäng Menü mit Salat, Spaghetti und Fleisch. Der Vater, der allmählich spitz bekam, dass ich doch nur erlesene Zutaten esse, fragte mich, welches Gemüse ich mag und bestellte daraufhin sofort einen extra Salat für mich.
Am nächsten Tag bin ich mit Miho weiter in die Innenstadt von Hiroshima zum Peace Memorial Park, dort wo in etwa die Atombombe explodiert ist. Dort habe ich die Freidensflamme gesehen, die solange brennt, bis alle Nuklearwaffen abgeschafft sind, also so lange es noch Menschen gibt. Wir sind dann auch ins Museum der Bombenopfer gegangen, wo ich mir einen deutschen Audioguide geholt habe. Dort gab es Info zur Geschichte von Hiroshima vor und während des Krieges, zum Bau der A-Bombe und den Gründen ihres Einsatzes. Danach gab es noch einges zu Nuklearwaffen, Krieg und Frieden und Organisationen die sich für die Bombenopfer und für Weltfrieden einsetzen. Darauf folgte der harte Teil. Die Atombombe und ihre Auswirkung. Zuerst kommen die Auswirkungen der Hitzewelle, verkohlte Leichen, Menschen mit versengten Augen, denen die Haut in Fetzen herabhing etc., begleitet mit Erzählungen zu Einzelschicksalen. Als nächstes die Auswirkungen der Druckwelle, dann der Feuersbrunst in der Stadt und schließlich die der Strahlung. Am Ende ist man ziemlich fix und alle. Also schnell raus und etwas Udon essen. Weil Miho danach Unterricht geben sollte, bin ich erstmal alleine durch die Innenstadt getigert und habe mir diverse Läden angeschaut. Im Park habe ich dann gegenüber vom Genbaku-Dome (eine noch stehende Ruine eines Gebäudes, das als Mahnmal gilt) am Fluss Musik gehört. Eine Japanerin saß dort mit ihrer Gitarre, spielte und sang dazu. Als ich näher kam, sah und hörte ich, dass unweit von ihr noch andere saßen. Eine Gruppe von drei, zwei mit Gitarre und eine Sängerin. Abends ging ich mit Miho zu einem Treffen der Online Community für klassische Musik, zu der Miho gehört. Wir sind in ein kleines Cafe, in dem klassische Musik gespielt wurde und bestellten von der Karte, die auf eine Schalplatte geschrieben war, Curry-Reis. Es waren nur zwei andere dabei (zwischendurch kamen noch drei weitere, die aber gleich weiter zu einem Konzert sind), aber es war interessant, auch wenn ich nicht alles verstanden habe. Natürlich haben die mich auch gut ausgefragt. Es war auch noch ein Violinenspiel und Konzertmeister im lokal, der eine paar Stücke auf der Violine vorspielte. Er hatte sich dann noch später zu uns an den Tisch gesetzt, als er mitbekam dass ich aus Deutschland bin und hat mich gefragt woher ich genau komme. Er hat nämlich Familie in der Nähe von Essen. Er hatte dann auch noch Visitenkarten mit Miho ausgetauscht und am selben Abend bekam Miho eine Mail von ihm mit einer Einladung, einmal mit ihm Musik zu machen. Wir waren zwar gegen 22 Uhr wieder bei Miho zu Hause, haben aber wieder bis 1 Uhr nachts geplaudert.





